Calamity Jane at Lake Ranch
Morgenritual. Pit holen, satteln, Pferde rein holen, Kaffee trinken, Ausreißer reinholen.
Wieder ließ ich den großen Paint zusammen mit seinem Freund auf der Weide zurück, wieder sagte ich auf der Ranch Bescheid, dass das Pferd nicht mehr laufen konnte - und wieder schien es keinen sonderlich zu beunruhigen. Am nächsten Tag wurde es dann tatsächlich etwas besser, er lahmte zwar weiterhin, aber zumindest konnte er wieder mit der Pferdeherde mithalten.
Hier findet man die wahre Geschichte der Calamity Jane, die übrigens auch die Freundin von Buffalo Bill warLiz, die sich nach ihrem Morgen-Entertainment mit Kaffee, Zigarette und einer Deutschen Touristin, die versuchte, Pferde zu treiben, ins Wohnzimmer gesetzt hatte, lachte mich an. "Wir haben einen Spitznamen für Dich."
"???"
"Calamity Jane."
Ich war etwas ratlos, in Geschichte kannte ich mich nicht besonders aus.
"Calamity Jane war ein berühmtes Cowgirl in früheren Zeiten", klärte sie mich auf und entfachte damit eine rege Diskussion unter den Anwesenden, ob sie eine Kriminelle oder eine Heldin gewesen sei. Man einigte sich auf Heldin - also kein Grund für mich, mich zu beschweren.

Keith forderte mich auf, mit ihm mit zum Zäune reparieren zu kommen. Er benutzte immer den 4-Wheeler - Pit hechtete mit Begeisterung dem ganz schön schnellen Gefährt hinterher.
Ich leistete Keith ein wenig Gesellschaft, während er an einem Tor herumwerkelte. Ich probierte auch, einen Metallpfosten mit einem speziellem Gerät reinzuhauen - klappte ganz gut, aber der Boden war ja auch noch aufgeweicht vom Regen, und hundert Stück davon würde ich auch nicht reinhauen wollen. Keith versuchte mich auf eindeutige Themen zu bringen - er baggerte jede Frau auf der Ranch an, aber mit weniger Erfolg als Luca, worüber er sich ärgerlich äußerte. Ich musste grinsen. Immerhin war er über fünfzig, zwar groß aber nicht gerade schlank. Es war trotzdem recht lustig.
Zurück an der Ranch ritt ich zum Roundpen, ich war zu einem Schwätzchen aufgelegt. Aber Max und Greg waren mit Arbeiten an der neuen Arena beschäftigt. Sie baten mich, die fünf Pferde, die Greg in Ausbildung hatte, auf eine Weide am See zu bringen, damit sie fressen und trinken konnte. Sie standen nämlich sonst immer in einem kleinen Paddock neben dem Roundpen, nur mit Heu und ohne Wasser.
Ich machte mich auf eine ziemliche Hetzjagd gefaßt, da die Pferde den Weg (ca. fünfhundert Meter über eine andere Weide) und das Tor, durch das ich sie bringen musste, nicht kannten, aber ich schaffte es doch relativ problemlos, die fünf Rabauken mit Pit zur Weide zu bringen und gab stolz eine Erfolgsmeldung bei Max und Greg ab. 
Die schienen erstaunt zu sein, mich wieder zu sehen, wahrscheinlich hatten sie gedacht, das Deutsche Greenhorn mit dieser Aufgabe für die nächsten Stunden beschäftigt zu haben.
Max fragte Greg, warum das Autoradio nicht an sei. Der meinte nur, er würde darauf warten, dass ich anfangen würde zu singen.
"Kein Problem", behauptete ich, "was wollt ihr hören?"
"Wir wollen das hören, was Du am besten singen kannst", meinte Max.
"Das wäre dann gar nichts ..." warf ich ein.
Weil ich wirklich nicht anfing zu singen, ging Max zum Wagen - übrigens irgendeine alte, riesige Schrottkarre, der irgendein Scherzkeks auch noch den Schädel eines Longhorns an den Kühlergrill gebunden hatte - selbst im Nachbarkaff Hulet war "Reservation Rocket", wie der Wagen hier genannt wurde, eine Attraktion.
"Na gut, dann mache ich eben das Radio an, wenn Heike nicht singen will", sagte Max. 
"Sei froh drüber. Sogar die Pferde mögen es nicht, wenn ich singe. Sie gehen beim ersten Ton durch ..."
Pit war nach der ganzen Rennerei wirklich kaputt. Ich dachte laut darüber nach, welches Pferd ich jetzt nehmen sollte, als Max mir sein Pferd anbot. Na - das war aber eine Ehre! Er warnte mich nur davor, dass Roani manchmal etwas zur Faulheit neigte - ich solle dann die Zügel benutzen, um ihn anzutreiben.

Ich brachte Pit in den Paddock und ging dann zum Mittagessen ins Haus, es gab Fried Chicken - ich nannte es für mich "dried Chicken" - die Köchin Liz war ja Engländerin - nicht persönlich gemeint, sie war supernett, aber kochen tat sie in allen Ehren zu ihrem Heimatland. 
Nach einem Schwätzchen mit ein paar der Amis, die am neuen Haus bauten, ging ich wieder zum Stall und sattelte mir Roani - bevor Max es sich mit seinem Angebot anders überlegte. Erfreut nahm ich zur Kenntnis, dass er Hufeisen hatte - das erleichterte die Wegewahl immer um einiges.
Ich ritt mit ihm in "mein" Tal und dann um die nördlichen Buttes herum - mein Standardweg, wenn es mir nur um einen schönen Ausritt ging. Am See scheute er heftig. Ich versuchte ihn zu beruhigen und bemerkte eine riesige gelb-grüne Schlange, die von ihrem Sonnenplatz auf dem Weg zwischen ein paar Äste flüchtete. Sobald sich Roani halbwegs beruhigt hatte, zückte ich meinen Fotoapparat - schließlich war ich ja ein Tourist ;-)
In "meinem" Tal versuchte ich einen neuen Weg um die Buttes herum und fiel mal wieder auf einen Trampelpfad herein. Er war offensichtlich von Kühen getreten worden, die um einiges niedriger waren als ein Pferd mit Reiter. Schließlich musste ich sogar absteigen, um unter den eng stehenden Bäumen hindurch zu kommen - und hoffte nur, dass Roani nicht irgendwo mit dem Sattelknauf hängen blieb und in Panik geriet, nach rechts ging es nämlich sehr steil abwärts. Der mühsame Weg lohnte sich, wir kamen an einer wunderschön idyllisch gelegenen Wasserstelle heraus, die ich sonst nie gefunden hätte.
Roani hatte Gänge wie ein Wohnzimmersessel - ich war nie ein so weiches und leicht zu sitzendes Pferd geritten. Er war auch nicht faul und insgesamt ein ausgesprochen sympathisches Pferd. 
Zurück am Roundpen bedankte ich mich bei Max.
"Verkaufst Du ihn?"
Er nickte ...
"Er ist toll!"
"War er faul?" fragte Max.
"Nein. Ich brauchte auch nicht die Zügel zum antreiben, ich brauchte nur zu singen ..."
Max erzählte mir, dass er Roani aus North Dakota mitgebracht hätte, ein Quarter mit Papieren. 
Ich dürfte ihn gerne wieder reiten, normalerweise würde er ja Luca sagen, dass die Gäste ihn nicht nehmen sollten, aber ich würde gut reiten.
Ich bekam nur ein "Danke!" heraus, etwas peinlich berührt. Einige der italienischen Gäste ritten um Klassen besser als ich.
"Wenn ich zwei Pferde haben könnte, würde ich Dich nach dem Preis fragen", sagte ich und träumte von Ausritten Zuhause mit diesem Pferd ...

Ich sortierte meine Pferde für den nächsten Tag - Roani in den Paddock, die Chestnut auf die Weide am Stall und Gumbo unter'n Sattel, ich wollte mit ihm nur Gregs Pferde wieder zurück zum Roundpen bringen. Das erledigte Gumbo wirklich mit bravour, danach brachte ich die Reitpferde auf ihre Nachtweide. Liz sollte ein paar Fotos machen, wie ich die Pferde den Hügel hinauf trieb - sie bekam es mehr schlecht als recht hin. Während ich dann noch auf dem Hügel war, veranstaltete sie eine Privatsession mit meinem Fotoapparat. Nach dem entwickeln fand ich Fotos von Hunden, Rancharbeitern und - meinem Klo *g*

Nach dem Abendessen ging (Betonung liegt auf "ging" - ich benutzte tatsächlich meine eigenen Füße ...) ich zum Roundpen, um nach einem Ritt auf Maccaroni zu fragen. 
Blade begegnete mir und fragte mich grinsend: "Hey, Calamity Jane - wo ist Dein Pferd?"
"Wartet im Roundpen auf mich ...", beruhigte ich ihn.
Max und Greg hatten nach einem Tag harter Arbeit an der Arena und zig Dosen Bier gut einen im Kahn, also sattelte ich Maccaroni selbst und ging mit ihr auf die Weide vor dem Roundpen. Sie ging nicht besonders gut, zu viele Pferde in der Nähe lenkten sie ab, und das Gras war zu hoch.

Gregs Freundin Linda war mit ihrem zehnjährigem Sohn zu Besuch, abends spielte ich mit dem Frechdachs Billard. Neue Gäste waren auch eingetroffen - zwei Italiener, Vater und Sohn, die kein Wort englisch sprachen.

Ich fing ernsthaft an, darüber nachzudenken, meinen Aufenthalt hier um eine Woche zu verlängern ...

Bei älteren 
Browsern benutzen Sie bitte die 'Zurück'- oder 'Back'-Funktion in der Funktionsleiste des Browsers.