Ankunft ...

Um halb eins, vierundzwanzig Stunden nach dem ich meine Wohnung in good old Germany verlassen hatte, kam ich auf der Ranch an. Ich stand noch für einige Minuten mit meinem Empfangskomitee in der Küche. Luca und Romana arbeiteten auf der Ranch, Fabio und Elena waren Gäste. Alles Italiener - ich hatte wohl die italienischen Wochen erwischt und lernte in der folgenden Zeit mehr Italienisch als Englisch ...
Ich wurde zu meinem Zimmer im alten Ranchhaus gebracht - im Wohnzimmer davor schlief jemand auf dem Sofa. Ich verschluckte jede Bemerkung über den merkwürdigen Typen vor meinem Zimmer und bezog meine neue Bleibe.
Angelika hatte mich ja schon gewarnt - die Zimmer seien einfach. Was mich hier erwartete, ließ mir trotzdem an diesem ersten Abend ziemlich den Atem stocken. Ich war nicht auf Luxus eingestellt, aber das ...
Als Deutscher kommt man nach Amerika und denkt bei "Ranchhaus" erst mal an die Ponderosa - weit gefehlt! Die Ranches hier waren nichts weiter als weißgestrichene Holzbaracken mit papierdünnen Wänden. Nicht nur die Lake Ranch, auch alle anderen Ranches und Häuser, die ich später in dieser Gegend Wyomings sah. Die Amis interessierte es nicht so sehr, wie sie wohnten, ihre Sorge galt einzig und allein dem Land, auf dem ihre Rinder weideten. Mehr oder weniger ...
Mein Zimmer war in der Tat sehr einfach, das Bad aus den fünfziger Jahren und alles nicht unbedingt sauber - für europäische Verhältnisse. Da hieß es Brille ausziehen, Sagrotan auspacken, Zähne zusammenbeißen und drei von den Mini-Baileys zu trinken (die mir der Steward im Flugzeug gegeben hatte ...), um einschlafen zu können. Zumindest taten sie was daran - auf dem Ranchgelände bauten sie gerade ein neues Holzhaus für die Gäste.

Der erste Tag auf der Ranch

Um 6.20 Uhr wachte ich schon auf, trotz der langen, schlaflosen Anreise. Jemand schlich durch die Küche - ich hörte jeden Schritt. Ich stand auf und ging erst mal duschen. Dann entkalkte ich den Duschkopf.
Das Haus schlief offensichtlich noch, aber jemand hatte schon Kaffee gekocht. Ich suchte mir Becher, Zucker und Milch und fand dann vom Wohnzimmer aus eine Tür nach draußen, wo ich meinen ersten Blick auf die Umgebung bei Kaffee und Zigarette auf mich wirken ließ.
Nur ein Pferd - datt war ja wohl ein bisserl wenig. Ein paar kleine Berge im Osten, ein See. Ein Stall mit Paddocks, eine Scheune. Das Ranchhaus und ein anderes Gebäude, das gerade im Bau war. Es sollte ein Gästehaus mit acht Zimmern, Küche, Saloon und Restaurant werden. Das war also die Lake Ranch.
Später lernte ich die Gegend etwas besser kennen. Die Berge im Osten, die hier "Buttes" genannt wurden (ein englisches Wort für "kleiner Berg", sprich [bjuts]), waren, neben dem Devils Tower, die einzigen Erhebungen im Umkreis von hundert Meilen. Da die Ranch genau am Fuße der Buttes lag, war es geradezu unmöglich, sich hier zu verirren. Man brauchte nur auf einen Hügel zu reiten und nach den Buttes Ausschau zu halten. Der Rest des Geländes waren Täler, Canyons und in westlicher Richtung riesige, nur leicht hügelige Ebenen. 

Devils Tower, der nur etwa sieben Meilen von der Ranch entfernt lag, war ein sogenanntes National Monument. Es handelte sich um den Kern eines Vulkans, wodurch er eine merkwürdige, kegelförmige Form hatte, die Bergspitze war ein riesiges Plateau und die Oberfläche war mit senkrechten Riefen überzogen. 
Eine Indianersage erzählte, dass dort sieben Mädchen spielten, als ein riesiger Grizzly sie Angriff. Die Kinder sprangen auf einen Stein und beteten zu Gott, dass der Stein sie retten möge. Der Stein wuchs daraufhin, und der Grizzly kratzte die Riefen in seine Seiten. Die Kinder wuchsen mit dem Stein bis in die Wolken und sind heute als eines der Sternbilder am Himmel zu sehen. 

Nach und nach trudelten die anderen zum Frühstück ein. Ferdinando fragte mich, wie es mir hier gefalle - was sollte ich sagen? Nett. Aber nicht umwerfend, was nun nicht als Kritik gemeint war, aber ich hatte halt schon mal einen See und einen Berg gesehen. Tja, inzwischen kenne ich die amerikanische Mentalität besser (auch wenn Ferdinando "nur" Italiener war) - auf so eine Frage muss man mit "It's great, I love it!" antworten - alles andere ist eine Beleidigung. Na ja, too late. Bei Ferdinando hatte ich verschissen.
Nach dem Frühstück fuhr Ferdinando mit dem 4-Wheeler (eine Art Motorrad mit vier Rädern) auf einen Hügel oberhalb der Ranch. Die Pferde, die dort auf einer riesigen Weide die Nacht verbrachten, wurden von ihm zusammengetrieben und zur Ranch gebracht. 
Im Paddock, der nicht größer als hundert Quadatmeter war, drängten sich friedlich ca. 25 Pferde, unter denen ich mir für den ersten Ausritt eines aussuchen durfte. 
Es waren Hengste, Wallache und Stuten bunt gemischt. Da gab es kein treten, beißen oder auch nur angiften untereinander - diese Pferde gingen selbst auf Neulinge nicht aggressiv zu. Wir brachten einmal eine Stute von einem Züchter dazu - da wurden mal kurz die Ohren angelegt und mit dem Kopf gewackelt - das war es.
Die Pferde kamen zum Teil aus eigener Zucht, dann waren es meist Quarter oder zumindest Quarter-Mixe, zum Teil wurden sie auch in Indianerreservaten gekauft.
Meine erste Wahl fiel auf einen großen, braunen Paint. Aber bei genauerem Hinsehen hatte ich den Eindruck, dass er lahmte, also entschied ich mich für einen kleinen, dünnen Schimmel. Ich mag eigentlich keine Schimmel, aber dieses Pferd, das offensichtlich einen Arabereinschlag hatte, schien irgendwie zu mir zu passen.
Fabio, der sich um mich kümmerte, widersprach nicht, er warnte mich nur, dass "Gumbo" nicht ganz einfach sei. Erst nachdem ich den kleinen Schimmel gesattelt hatte, erfuhr ich, dass sich schon einige der Rancharbeiter an ihm die Zähne ausgebissen hatten - in den letzten zwei Wochen sei er jedesmal ausgerastet, wenn es zurück zu Ranch ging. Na Mahlzeit - ein sauer gerittenes Pferd. Aber nun war es zu spät, die meisten anderen Pferde waren schon vergeben. Luca meinte nur, ich solle mich auf dem Rückweg hinter seinem Pferd halten. OK.
Fabio sattelte den großen Paint, den ich stehen lassen hatte. Auf meinen zaghaften Einwand, ob es nicht vielleicht sein könnte, dass das Pferd lahm ginge, zuckte er nur mit den Schultern. Schließlich war er hier, um Cowboy zu werden - er war also ein Profi. Da konnte doch so eine deutsche Touristin nicht ankommen und behaupten, er hätte ein lahmendes Pferd gesattelt ... ;-)
Zehn Minuten später brachte er ihn dann doch zurück in den Paddock und holte sich ein anderes Pferd.
Bis alle ihre Pferde gesattelt hatten, war es halb zehn. Sieben Gäste und Luca zogen aus, um fünf ausgerissene Stiere von einer Nachbarweide zu holen. Das erfuhr ich aber erst viel viel später - es sprachen ja alle nur italienisch - wenn Luca überhaupt mal den Mund aufbekam. 
Zunächst bekam ich die ersten echten Eindrücke von der Umgebung. Die Ranch lag in einem Tal, nun ritten wir auf die Hügel, und ich sah das weite Land. Land. Nur Land. Keine Zäune, keine Straßen, keine Häuser, keine Menschen, nur grenzenloses Land. Wahnsinn. Die Lake Ranch war 16.000 ha groß. Das Land war in siebzehn Weiden eingeteilt, die mit Stacheldraht eingezäunt waren. Jede Weide war zwischen 500 und 1.500 ha groß. Eine "kleine" Weide zu umreiten kostete schon zwei bis drei Stunden Zeit - wenn sie auf einer Ebene lag. Meistens waren jedoch Täler, Canyons und Wälder mit eingeschlossen. 
Wir überquerten einen kleinen Bach, an dem malerisch einige Tierknochern herumlagen. Da haben sie wohl eine kleine Touristenattraktion verteilt, dachte ich, bis wir später eine tote, halb verweste Kuh passierten. Knochen fand man überall auf der Ranch, wenn ein Rind starb, dann ließ man es einfach liegen und überließ es den Kojoten, die Überreste zu verwerten.
Dann kamen endlich die ersten lebenden, echten Rinder. Da ich nicht wusste, worum es ging, hatte ich den Eindruck, dass nun alle ziellos umherritten, das tat ich denn auch. Irgendwann fing irgendjemand an, mir zuzurufen "Go out of the way, Heike, go out of the way!" 
Aus dem Weg gehen? Ja - aus welchem Weg denn? Wohin sollte ich gehen? Ich war irgendwie ziemlich irritiert, raffte nun allmählich, dass irgendwelche von den Kühen herausgepickt wurden - welche und weswegen und wohin wusste ich aber trotzdem nicht. Nun begann auch der bis dahin brave Gumbo zu zeigen, was "etwas schwierig zu reiten" bedeutete. Er drehte sich einfach ab und ging nicht weiter. Da halfen keine Sporen, kein zerren am Zügel, kein schlagen mit den Zügeln. Bis er es sich schließlich anders überlegte, in die gewünschte Richtung drehte und wie ein Irrer losgaloppierte. Hatte man ihn dann endlich gebremst, ging er drei, vier Schritte im Schritt, drehte ab und begann das Spiel wieder von vorne. Nach zehn Minuten gab er auf und benahm sich wieder wie ein normales Pferd. Für eine viertel Stunde. Dann rappelte es wieder. Für zehn Minuten. Viertel Stunde Ruhe. Rappel. So behindert versuchte ich den anderen zu folgen. Zumindest war ich jetzt aus dem Weg, ich zuckelte im Abdreh-galoppier-brems-abdreh-Gang hinter ihnen her. Das schien Luca, der ja nun ansich für die Gäste zuständig war, auch nicht weiter zu beunruhigen. Der war nicht mehr zu sehen. 
Als die Ranch in Sicht kam hatte ich mich mit Gumbo halbwegs arrangiert, seine Abdreh-Aktionen waren nicht mehr so sturköpfig und zumindest blieb mir seine von Luca angekündigte hirnlose Rennerei mit Buckeleinlagen auf der letzten Meile zur Ranch erspart.
Trotzdem - Gumbo gefiel mir. Er hatte sehr schöne Gänge und ging, wenn er denn mal nicht gerade einen Rappel hatte, auf kleinste Hilfen hin problemlos in jede Richtung, auch von der Gruppe weg. Ich nahm mir vor, ein andern Mal mit ihm alleine rauszugehen, um ihm diese Unart abzugewöhnen. In der Gruppe war das schwierig, schließlich hielt ich damit alle anderen auf. 
Inzwischen hatte ich auch erfahren, was wir am Vormittag eigentlich gemacht hatten - halt die Stiere zurück gebracht. Etwas zu spät für meinen Geschmack.

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