Der Gast beschäftigt die Gäste
Nachdem ich mit Gumbo die Reitpferde hereingeholt hatte (wie immer in zwei Gruppen ...), bat Ferdinando mich, mit den beiden neuen Gästen einen Ausritt zu machen. Er musste Romana zum Flughafen bringen, ihre Jobzeit war zuende.
Ich erkundigte mich nach ihrer Reiterfahrung und schlug dann zwei Pferde vor, die für einen erfahrenen Reiter geeignet waren, aber notfalls auch einen Anfänger tragen konnte, falls die Italiener mit der Westernreitweise nicht zurecht kamen. Otis, einen mittelgroßen Braunen mit sehr schönen Gängen, insgesamt ein absolut gut zu reitendes, williges Pferd - laut der Aussage von anderen Gästen. Da ich die kleineren Pferde bevorzugte, hatte ich ihn nie selbst geritten. Für den Sohn empfahl ich BB, der leider recht harte Gänge hatte, aber ein absolut sicheres Pferd war.
Ferdinando stimmte zu, also ging ich mit den beiden Italienern, die ja nach Ferdinandos Aussage gut reiten konnten, in den Stall und drückte ihnen Halfter in die Hand. Im Paddock zeigte ich dann auf die Pferde, die sie nehmen sollten. Etwas erstaunt sah ich zu, wie sie mit den Halftern rumfummelten, schließlich zog ich den Pferden die Halfter über den Kopf.
Im Stall drückte ich ihnen Bürsten in die Hand, und sie begannen, die Pferde sorgsam zu putzen. Hier wurde normalerweise nur flüchtig übergeputzt, höchstens die Sattel- und Gurtlage wurden etwas gründlicher bearbeitet. Aber ich wollte den beiden nicht ihre guten Ambitionen nehmen, also ließ ich sie und holte mir einen Kaffee. Als ich zurück kam, waren sie fertig. Die Gurtlagen waren nicht sauber, ich versuchte ihnen mit Zeichensprache klar zu machen, dass das die wichtigsten Stellen seien. 
Dann gab ich ihnen die Trensen. Der Sohn bekam eine Westernkandarre, das Pferd des Vaters wurde mit Hackamore geritten. Der Vater, offensichtlich ein echter Profi, stopfte seinem Pferd die Stange des Hackamores ins Maul, sein Sohn, etwas zurückhaltender, stand mit dem Kopfstück vor BB's Kopf und wartete darauf, dass das Pferd seinen Kopf selbständig hineinschob.
Im Moment konnte ich noch nicht darüber lachen, statt dessen zogen mir Bilder eines entsetzlichen folgenden Ausritts vor die Augen.
Nachdem die Pferde fertig gesattelt waren, brachen wir in Richtung Süden auf. Ich wollte sie zu einer großen Ebene mitnehmen, auf der sie höchstwahrscheinlich viele Rinder sehen würden - sicherlich am ersten Tag sehr interessant für sie.
Sie waren hingerissen von den Aussichten, die ich ihnen zeigte, danach wollten sie gar nicht mehr zurück zur Ranch. Also brachte ich sie noch durch das Tal südwestlich der Ranch, das mit seinen Felsformationen, Fichten, Kräuterwiesen und Bächen einen völlig anderen landschaftlichen Charakter hatte als die Grasebenen.
Obwohl ich mich nur gebrochen mit ihnen unterhalten konnte, machte es mir einen Heidenspaß, ihnen die Gegend zu zeigen und an den Stellen anzuhalten, an denen man die beste Aussicht hatte. 
Der Sohn schien blutiger Reitanfänger zu sein, der Vater hatte wohl schon einmal auf einem Pferd gesessen. Hätte mich Ferdinando da besser informiert, dann hätte ich dem Sohn nicht gerade BB gegeben, der zwar ein stockbraves Pferd war, sich aber manchmal nicht gut lenken ließ.
Nachdem ich sie wieder an der Ranch abgeliefert hatte, putzten sie ihre Pferde nach dem Reiten noch mal - wirklich sehr gute Ansätze, die sich leider verflüchtigten, nachdem sie einige Tage lang beobachtet hatten, wie wir unsere Pferde nach dem absatteln einfach nur wegbrachten. Dann erklärte ich ihnen, dass sie die Sattelpads draußen in der Sonne trocknen lassen konnten, die Sättel aber immer zurück in die Sattelkammer bringen müßten, da das Leder in der Sonne austrocknete. Etwas frustriert sah ich später Max zu, der seinen Sattel vor dem Stall in die Sonne legte und dort tagelang liegen ließ, bis ich ihn schließlich vor einem kommenden Regen hereinbrachte. 
Welch ein Vorbild nach meinen Bemühungen, den Gästen so etwas wie Verantwortungsbewußtsein beizubringen.

Ich sattelte ich mir die Chestnut Stute und nahm Lindas Sohn auf dem Curlypony Orio auf einen kurzen Ausritt um den See mit. Er war sehr ängstlich und der Ausritt darum nicht gerade ein Spaß, aber schließlich erreichten wir wieder die Ranch, wo er jedem voller Stolz erzählte, er sei dieses feurige Pferd geritten.

Nach dem Mittagessen langweilten die Italiener sich, Ferdinando war noch nicht zurück. Sie fragten mich nach einem weiteren Ausritt, aber große Lust hatte ich nicht, an sich zeigte ich gerne die Gegend, aber es war irgendwo prinzipiell nicht mein Job. Ich hatte aber Mitleid mit ihnen und vertröstete sie auf später, erst wollte ich Maccaroni für eine Stunde auf der Pferdeweide reiten. Weil Greg alle seine Sättel und Trensen in Gebrauch hatte, nahm ich Maccaroni mit zum Stall und legte ihr meinen Sattel auf. Als Kopfstück fand ich leider nur eine sanfte Kandarre, bisher war ich sie mit Wassertrense geritten. 
Ich ging mit ihr zurück zum Roundpen, ich hatte Greg versprochen, sie erst ein paar Runden dort zu reiten. Später auf der Weide war sie wirklich toll, wir fingen zum ersten Mal an, auch im Galopp zu arbeiten.

Das I vom OI-Brand der Lake RanchDanach holte ich die Italiener; Lindas Sohn wollte auch mit. Bis die vier Pferde gesattelt waren, war fast eine Stunde herum, für mich machte ich Roani fertig. Ich ritt mit ihnen zum Branding Korral, um ihnen die Brandeisen zu zeigen. Es sah nach Gewitter aus, darum wollte ich dann möglichst schnell zurück. Ich hatte keine Möglichkeit, den Italienern zu erklären, wo meine plötzlich Eile herkam, der Wind wehte unten in der entgegengesetzten Richtung als die Wolken kamen, zudem wussten sie noch nicht, wie gefährlich es hier war, in ein Gewitter zu geraten. Ich trieb sie nur an, Lindas Sohn bekam es mit der Angst zu tun, also musste ich Orio auch noch als Handpferd nehmen. Der war das nicht gewöhnt und biß Roani andauernd in den Hals - irgendwie war das ein sehr stressiger Ritt.
Kurz vor der Ranch gab ich Lindas Sohn wieder die Zügel in die Hand, damit es so aussähe, als sei er gut klargekommen.
Es fing tatsächlich an zu gewittern wie verrückt, ich konnte noch nicht einmal Duschen gehen - das sei ebenfalls gefährlich bei Blitzschlägen, wurde ich aufgeklärt. Also mussten Greg und Linda auf mich warten, sie wollten mich mit nach Hulet nehmen und dort essen gehen.
Ich sprach Monte darauf an, ob es eine Möglichkeit gäbe, länger zu bleiben. Er sah darin kein Problem. Ich wandte ein, dass ich vielleicht auch Ferdinando fragen müßte, aber er meinte, wenn er das sagte, dann sei das in Ordnung. Na gut. 
Irgendwie schien Monte einen an mir gefressen zu haben. Wenn ich ihm etwas erzählte, stand er meistens vor mir, guckte mich mit großen Augen kopfschüttelnd an und sagte: "You're so tough!"
"I'm not tough, I'm just crazy ..." widersprach ich dann.
Wenn er mit Verwandten oder Freunden auf die Ranch kam, die ich noch nicht kannte, stellte er mich immer so vor: "Das ist Heike, die Deutsche, von der ich Dir erzählt habe."
Ich schien echt ein Exot auf der Ranch zu sein.
Wegen des geschäftlichen würde ich wohl trotzdem noch Ferdinando ansprechen müssen. Aber so war es schon fast amtlich für mich, eine Woche länger zu bleiben.

Abends verließ ich zum ersten Mal nach fast zwei Wochen die Ranch. Verrückt, aber ich hatte nichts vermißt. Wir gingen in ein Restaurant, und ich versuchte so viel wie möglich vom American way of life aufzuschnappen - aber eigentlich hatte ich schon das Ranchleben als a way of life gefunden. 
Nach dem Essen kaufte ich in einem Saloon ein Paket mit achtzehn Dosen Bier. Die verstaute ich in dem kleinen Kühlschrank im Billardzimmer. Ich hatte kein Bier getrunken, aber am nächsten Mittag war keines mehr davon da ...

Am Abend war auch der Ersatz für Romana eingetroffen, Elena, eine italienische Freundin von Romana. Mit ihr kam ich auf Anhieb super klar, sie war wirklich sehr nett - und sprach fließend englisch :-) 

Bei älteren Browsern benutzen Sie bitte die 'Zurück'- oder 'Back'-Funktion in der Funktionsleiste des Browsers.