Horsebreaking at Lake Ranch
Ich ritt zu dem neuen Roundpen, den Greg erst vor ein paar Tagen fertiggestellt hatte, und beobachtete ihn, wie er zwei Pferde trainierte. Oder eins, ich blickte nicht so ganz durch. Eines stand gesattelt in der Mitte des Roundpens, mit dem anderen galoppierte er nur drum herum. 
Erst in den folgenden Tagen verstand ich so ungefähr seine Ausbildungsmethoden. Verstehen war vielleicht zuviel gesagt, aber ich kannte zumindest seine Vorgehensweise. 
Die Pferde, die er in Ausbildung bekam, waren meistens drei Jahre alt, hatten ihr Leben in der Herde verbracht und so gut wie keinen Kontakt mit Menschen gehabt. Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob sie je geimpft oder entwurmt wurden, wenn, dann wurden sie wahrscheinlich mit dem Lasso gefangen wie Kälber. Entsprechend waren sie ausgesprochen menschenscheu.
Ein neues Pferd kam also erst mal in den Roundpen, wo Greg es mit dem Lasso fing. Greg saß fast immer auf einem anderen Pferd, wenn er das machte, er gab zu, unglaublich faul zu sein. Nachdem das Pferd das Lasso um den Hals hatte, brachte Greg es irgendwie fertig, das Seil zwischen die Hinterbeine des Pferdes zu bringen, so dass das Pferd vor dem unangenehmem Gefühl davonlief. So rannte es dann eine Weile herum. Dann legte Greg irgendwie ein Halfter an (diesen Moment habe ich leider nie beobachtet, das stelle ich mir ziemlich schwierig vor) und band es an. Da stand es dann angebunden, stundenlang, manchmal tagelang (natürlich nicht nachts!).
Zwischendurch dann immer mal wieder die Lasso-um-den-Hals-und-zwischen-die-Beine-Aktionen. 
Zum ersten Satteln band er es wieder an und legte ihm eine Art Fußfessel an. Die Fußfessel funktionierte so, dass eine Schlinge um den Hals des Pferdes gelegt wurde, dann wurde das weiche Seil zur linken Hinterfessel geführt, einmal drum herum geschlungen und das andere Ende so um den Hals geknotet, dass das Pferd das Hinterbein nicht mehr auf den Boden setzen konnte.
Dann Sattel drauf. Den Sattelgurt holte er mit einer Drahtschlinge unter dem Bauch hervor - das fand ich besonders interessant, das war nämlich eine Methode, die Monty Roberts als seine persönliche Idee propagierte, und Greg hatte von diesem Pferdeflüsterer garantiert noch nie etwas gehört.
Wenn das Pferd gesattelt war, löste er die Fußfessel, band es los und ließ es einfach laufen oder machte wieder die Lasso-um-den-Hals-und-zwischen-die-Beine-Aktionen. Auf jedem Fall blieb das Pferd für den Rest des Tages gesattelt.
Der nächste Schritt war dann, was ich als ganz hervorragende Idee empfand, eine aus einem Holzstecken und einem alten Kartoffelsack selbstgebastelte Fahne so am Sattel zu befestigen, dass sie in Höhe des späteren Reiters über dem Pferd hing. Wieder wurde das Pferd einfach laufen gelassen oder die Lasso-um-den-Hals-und-zwischen-die-Beine-Aktion gestartet, manchmal nahm er es auch als Handpferd mit auf die Weide.
Irgendwann kam dann auch die Trense drauf, anfangs immer mit einem ganz normalen Wassergebiß. 
Die Pferde verbrachten viel Zeit damit, auf die eine oder andere Art behindert in ihrem Paddock zu stehen, sei es, dass ihnen ein Lasso um den Hals hing, die Zügel über den Boden schleiften, eine Führleine am Halfter hing oder einfach nur der Sattel drauf lag. Für mich war das anfangs ein erschreckender Anblick, allein die Verletzungsgefahr, wenn sich das Pferd auf die Zügel trat. Anderseits gewöhnten sie sich so daran und gerieten nicht in Panik, wenn so etwas später mal aus Versehen im Gelände passierte.
Der erste Reiter stieg dann auf, während Greg auf einem anderen Pferd saß und das auszubildende Pferd festhielt. Lieb war es ihm, wenn noch ein weiterer Reiter dabei war, so dass der Neuling in die Mitte genommen werden konnte. Dann wurde das einzureitende Pferd als Handpferd durch den Roundpen geführt (übrigens machte Greg alles im Trab oder Galopp, er bildete fast nie im Schritt aus), später auch auf der Weide.
Nun war es im Prinzip angeritten, es lernte dann ohne Führpferd im Roundpen herumzulaufen, zu stoppen und rückwärts zu gehen. Fertig, diese Ausbildung dauerte ca. zwei Wochen, wenn Greg sich dran hielt. 
Maccaroni, die ich später ritt, ging am dritten Tag meines Aufenthalts auf der Ranch in "Ausbildung", sechs Tage später  übernahm ich sie sozusagen. 
Nachdem die Pferde von Greg "gebrochen" worden waren, übernahm jemand anderes das Pferd, zum Beispiel Luca oder Ferdinando. Ob die jetzt noch Wert auf weitere Ausbildung legten oder das Pferd einfach nur ritten, notfalls mit Kraftanwendung - das sei mal dahingestellt.
Ich empfand es als Manko, dass diese Pferde einige wichtige Dinge nicht lernten, nämlich Schritt gehen und Zügelhilfen. Gleichzeitig war ich darüber überrascht, dass sie nicht etwa eine Knacks fürs Leben davontrugen, weil sie andauernd mit dem Lasso geärgert wurden, sondern alles gelassen hinnahmen und sogar Vertrauen zum Menschen bekamen. Maccaroni war eine widerspenstige Zicke gewesen, als Greg anfing, mit ihr zu arbeiten, später lief sie mir nach wie ein Hund.
Greg war über fünfzig, war mal Rodeoreiter und hatte wahrscheinlich sein Leben lang Pferde ausgebildet - er war ein echter Cowboy. Auch wenn seine Methoden für europäische Augen manchmal etwas brachial wirkten, wurden die Pferde bei der Ausbildung nie gequält, und die wortwörtliche Übersetzung für das englische Wort für "Zureiten", das ja laut Lexikon nun mal leider "to break" (=brechen) heißt, kam in meinen Augen nie zum Zuge.
Gleichgültigkeit gegenüber Verletzungsgefahren für das Pferd bei dieser Ausbildung waren eine andere Sache, aber die gab es ja nicht nur bei der Pferdeausbildung, sondern beim allgemeinen Umgang mit den Tieren auf der Ranch (und vermutlich auf anderen Ranches in ähnlicher Form auch). Diese Pferde wurden nicht als Haustiere gehalten, sondern als Arbeitstiere. Sie waren durchweg jedes für sich zu hundert Prozent ersetzbar - es hing ja kein menschliches Herz an ihnen.

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