Ausritt mit Pit
Ich räumte ein Stromkabel weg, das sich meterlang kreuz und quer durch den Paddock zog, und ging dann ins Haus. Wirklich kein Schwein da. In der Küche machte ich mir ein Sandwich, fand ein paar Chips und lungerte dann im Wohnzimmer herum. Das Telefon klingelte, ich ging ran und meldete mich mit "Lake Ranch, Heike is speaking", woraufhin ich mit einem Schwall Englisch überschüttet wurde.
"Stop! I'm German. Please speak slower ..."
Man verstand. "Is -- E-li-sa-beth -- the-re?"
Das war ja nun wirklich slow ... - ich verneinte, ich war ja mutterseelenallein.
Jemand kam herein - ich lernte Keith kennen, den Kalifornier, der hier für alle möglichen Reparaturen zuständig war. Nachdem er wieder gegangen war, dachte ich darüber nach, was ich nun machen sollte. Es war inzwischen drei Uhr, ich würde ja gerne noch mal ausreiten, aber Gumbo war so dürr und die anderen Pferde kannte ich noch nicht. Während ich noch überlegte kam Monte herein. Wir aßen gemeinsam eine Wassermelone, dann ging er mit mir zum Paddock und suchte mir Pit aus, ein kleiner kastanienbrauner Wallach. Ich erkannte ihn wieder, Luca hatte ihn am Vortag geritten, er schien ganz in Ordnung zu sein. Leider ließ er sich nicht einfangen, Monte meinte schließlich, er müsse ihn mit einem Lasso fangen. Während er zum Haus ging, um ein Lasso zu holen, hatte ich Pit in eine Ecke gedrängt. Als Monte zurück kam, legte ich gerade meine Arme um Pits Hals und verschränkte die Finger ineinander. In Deutschland zuckt ein Pferd, das sich schwer einfangen läßt, dann einmal kurz hoch und steht. In Deutschland, wohlgemerkt. Pit zuckte hoch, stieg und galoppierte dann durch den Paddock, während ich an seinem Hals hing, weil ich meine Finger nicht auseinander bekam. Schließlich landete ich unsanft auf dem Boden. Monte war sichtlich schockiert und ich voller Pferdeäppel. 
Ich versicherte ihm, dass ich okay sei, also fing er Pit tatsächlich mit dem Lasso ein und wir brachten ihn in den Stall, wo wir ihn gemeinsam sattelten. Pit war sehr unruhig, darum schlug mir Monte besorgt vor, doch lieber ein anderes Pferd zu nehmen. Aber die anderen waren mir zu groß, also blieb ich bei Pit und versprach, vorsichtig zu sein. Woraufhin Monte nochmals zum Haus ging und mit ein paar Papieren zurückkam. Ich unterschrieb den Wisch, der auf drei Seiten besagte, dass ich hier alles auf eigene Gefahr tat ... 
Dann startete ich zu meinem zweiten Ausritt, diesmal in südlicher Richtung. Mehrfach wurde mir der Weg versperrt, weil ich an ein Stacheldrahttor gelangte, das ich nicht öffnen konnte. Ich würde mir irgend etwas überlegen müssen, man brauchte viel Kraft und eine gute Technik, um mit einigen klar zu kommen. An der Technik konnte ich arbeiten, aber was sollte ich machen, wenn die Kraft nicht reichte?
Ich folgte mit Pit, der recht gut zu reiten war, einem fliehenden White Tail. Das war eine Rehart, die hier recht häufig vorkam. Wir ritten entlang eines schmalen, aber sehr steilen Canyons, den ich unmöglich überqueren konnte, immer auf einem sehr schmalen Trampelpfad, der plötzlich endete. Ich sah die Schwanzspitze des White Tails vor mir verschwinden und ritt weiter. Das Gelände, das hinter uns lag, war teilweise extrem schwierig gewesen, darum wollte ich nicht zurückreiten und versuchte meinen Weg weiter zu finden. Ich gelangte in den Canyon herunter und befand mich nun in dem kleinen Bachbett, das aber nur etwas nass war. Pit suchte sich seinen Weg zwischen den großen Steinen, an den Seiten wurde es wieder steil - ich hing in der kleinen Schlucht fest. Mir wurde ziemlich unwohl, aber es war sehr eng und ich wollte Pit nicht auf den Wackersteinen drehen. Wir gelangten an eine Stelle, wo ein umgestürzter Baum den Weg versperrte, darunter lagen diese riesigen Wackersteine mit den Spalten dazwischen. Inzwischen war mir wirklich überhaupt nicht mehr wohl in der Haut. Ein Blick zurück zeigte den Beinbrecherweg, den wir hinter uns hatten - ein Blick zu den Seiten nur fast senkrechte Hänge. Ich trieb Pit über den Baumstamm und betete, dass er sich nicht die Beine brach. Pit versuchte immer wieder, die Steilwände heraufzuklettern - ich hielt das für unmöglich und hielt ihn zurück.
Der Canyon schien kein Ende zu nehmen - ich gab auf und ließ Pit einen der Steilwände hochkraxeln. Wir gelangten an einen Zaun, an dessen anderer Seite ein Pfad war, auf dem ich auf dem Hinritt gekommen war. Auf meiner aktuellen Seite des Zaunes gab es leider keinen Pfad, wir mussten uns durch das Unterholz kämpfen. Endlich gelangten wir an ein Tor, erleichtert stieg ich ab - für den Moment hatte ich genug von Abenteuern. Ich hatte zwar nie die Orientierung verloren, aber den Weg zu verlieren schien auch unangenehme Folgen haben zu können. 
Das Tor ließ sich nicht öffnen, zu fest saßen die Drahtschlingen um die Pfosten. Na Mahlzeit. Zum Glück wurde das Gelände einfacher, schließlich fand ich auch ein für mich funktionierendes Tor. 
Dieser Ritt war mir eine Lehre für meine folgenden Expeditionen - ich ging zwar weiterhin auf Entdeckungsreisen abseits der Trails, aber ich folgte nie mehr hirnlos den Trampelpfaden der White Tails.

Als ich zurück zur Ranch kam, waren die anderen auch schon eingetroffen und hatten die Pferde für die Nacht auf die Weide gebracht. Ich sattelte Pit ab und ritt ohne Sattel auf den Hügel. Am Tor zur Weide hing ein wenig Plastikgewebe und flatterte im Wind. Pit scheute, stieg einige Male und schlug mir dabei seinen Hals gegen die Sonnenbrille, die wiederum auf mein Auge schlug. Abends wusste ich dann, dass "Blaues Auge" auf englisch nicht "blue eye", sondern "black eye" heißt. In meinem Fall auch bezeichnender, wie jeder in den folgenden acht Tagen bewundern konnte ...

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