A ride for some Italian tourists
Ich schlenderte mit Ugly Back zur Ranch und stellte mich vor das Ranchhaus, um mit Liz ein Schwätzchen zu halten. Dabei beobachtete ich, wie die Italiener auf ihre gesattelten Pferde aufstiegen und auf mich zuritten.
"Hey, Heike, wir wollen ausreiten", teilten sie mir mit. Interessant, dachte ich. Dann mal viel Spaß.
"Wohin werden wir gehen?"
Woher sollte ich das wissen?
Sie zeigten auf mich "Guide." Na, da hatten sie ja doch mal ein englisches Wort gelernt?!
Ich bat sie um ein paar Minuten Geduld, ich wollte noch einen Kaffee trinken, und ließ Elena dann übersetzen, dass ich einen tollen Weg kennen würde, da würde ich sie hinbringen, nur den Rückweg - den wüßte ich nicht.
Das schien sie nicht weiter zu beunruhigen, also brachen wir ungefähr zu der Runde auf, die ich mit Gumbo in meiner ersten Woche erforscht hatte. Für mich war das auch irgendwie ein neues Erlebnis, denn jetzt wusste ich nicht nur, in welcher Richtung zur Ranch ich mich aufhielt, sondern auch, auf welcher Weide. Wir starteten am Cemetery Pasture, so wurde manchmal die Weide oberhalb des Hügels genannt, da dort auch der Kuhfriedhof war. Dort hielt ich an einer Stelle des Zaunes an. Hier war ein Rind durch den Zaun gesprungen und hatte die beiden oberen Drähte miteinander verdreht. Ich versuchte sie auseinander zu bekommen, Mario stieg ab und half mir. Sehr gut, wieder ein Gast, der jetzt gelernt hatte, dass man nicht nur blind durch die Gegend ritt, sondern auch ab und zu mal versuchte, sowas wie Rancharbeit zu leisten.
Dann überquerten wir das Winter Pasture, eine große Weide mit Ausblick über die westlichen Ebenen, wo ich den Italienern die Holzruine mit nebenstehendem Klohäuschen zeigte. Weiter ging es zum Home Place, eine Weide mit vielen kleinen Bächen, die wir durchreiten mussten. Zudem gab es dort die tote Kuh zu sehen, von der Mario und Daniela so begeistert waren, dass Mario sich mit seinem Pferd hinter die Kuh stellen musste, damit Daniela ein echtes Wild-West-Foto schießen konnte. Ich schlug noch vor, er solle seinen Fuß auf das halb abgefressene Skelett stellen, aber das ging den beiden dann wohl doch zu weit.
Wir ritten einen Hügel hoch zu einem Zaun, dort behauptete ich, ich müsse nach einem Tor suchen und galoppierte mit Ugly Back ein Stück den Zaun auf und ab. Natürlich fand ich keines, die andere Weide gehörte einem Nachbarn, da gab es seltener Tore. Also ritt ich weiter und kam mit den Italienern zu einer Steilschlucht. Ich suchte den Rand ab, bis ich die Stelle fand, an der ich mit Gumbo hinunter gestiegen war, zeigte den Italienern, dass sie die Zügel ganz lang lassen sollten, damit die Pferde den besten Weg selbst finden konnten, und ließ sie dann hinabkraxeln.
Das Tal sah aus, als wäre nie ein Mensch oder Tier dort gewesen. Für den Rancher hatte das einen eher traurigen Grund, für den Touristen sah es toll aus - es blühte über und über in gelb, wie die meisten Stellen auf dieser Weide. Die gelben Pflanzen, die vermutlich durch europäisches Heu eingeschleppt worden waren, wucherten wie Unkraut, weil weder Kühe, Pferde noch Wildtiere das Kraut fraßen. Lediglich Schafe würden es abweiden, hatte Keith mir erzählt, aber Monte hatte (noch?) keine Schafe. 
Wir ritten durch dieses herrliche Tal, das von vielen kleinen Bächen durchzogen war, und erreichten das Tor zum West Pasture. Dort hielt ich mich ein wenig links, um uns von einem Baumstamm den Weg versperren zu lassen.
"Uuups -", meinte ich, schließlich gehörte ein bisserl Abenteuer-Feeling mit zum Wilden Westen, "nun haben wir aber den Weg verloren ... hoffentlich finden wir zurück zur Ranch ..."
Also ein Stückchen zurück, dann nach rechts und schon standen wir vor dem Tor zum Right Creek.
Von dort wollte ich eigentlich zurück zur Ranch reiten, aber wir waren früh dran, darum dachte ich mir, wir könnten den Ausritt auch mit etwas sinnvollem verbinden und den nördlichen Zaun der Right Creeks checken - nach wie vor fehlten uns noch ca. vierzig Rinder. Also ritten wir aus den Right Creeks direkt wieder raus auf eine Weide eines Nachbarn, wo ich schon am Zaun verwundert feststellte, dass hier vor kurzem Rinder gewesen waren. Der Zaun war vergessen, ich hoffte die vierzig fehlenden Rindviecher zu finden. Doch als wir aus dem Tal heraus kamen und auf eine Hügel ritten, erkannte ich schon von weitem "meine" beiden Kühe, die ich mal vor mir hergetrieben hatte, weil ich dachte, Kühe gehörten nie in eine Stierherde. Auf der Nachbarsweide grasten nicht die vermissten vierzig Rinder, sondern mindestens vierzig von den Rindern, die wir eine Woche zuvor auf die benachbarte Weide, das West Pasture, gebracht hatten. Um sicher zu gehen ritt ich näher heran und sah mir die Brandzeichen an. Zweifellos, das waren Lake Ranch Rinder auf einer falschen Weide, aber es waren nicht die vermissten Rinder. 
Den Zaun zum West Pasture zu checken ersparte ich uns, er war zweifellos irgendwo in der Nähe kaputt, also brachen wir zum Rückweg auf. Zurück zum Right Creek. Mario versuchte das Tor zu schließen, schaffte es aber nicht. Kein Wunder, dieses Tor war eines der ersten gewesen, an dem ich mir auch die Zähne ausgebissen hatte, und auch das erste, das ich später durch meinen Gürtel besiegt hatte. Ich stieg also ab und zeigte ihm die Tricks, mit denen man die meisten Tore auch ohne Gürtelhilfe schließen konnte und demonstrierte ihm auch meinen "Gate-Opener", über den alle auf der Ranch gelacht hatten. Mein Gürtel war mir nämlich schon beim dritten Tor kaputtgegangen, seitdem nahm ich immer einen starken Lederriemen mit, den ich in der Sattelkammer gefunden hatte. Zu meiner eigenen Überraschung schaffte ich dieses Tor aber sogar ohne Gate-Opener - offensichtlich hatte ich mir inzwischen genug Muskeln antrainiert, um fortan auch ohne Gürtel auskommen zu können. 
Mario war absolut baff und fragte, ob wir solche Stacheldrahttore auch in Deutschland hätten. "Niemals!" rief ich entsetzt bei der bloßen Vorstellung. Aber ich wäre schon öfters in Amerika gewesen, bohrte er weiter. Ich schüttelte wieder mit dem Kopf. Woher ich denn dann das alles wüßte. Ich zuckte mit den Schultern. Ich hatte es mir halt abgeguckt oder ausgedacht. Dieser Italiener und seine Frau waren wirklich leicht zu beeindrucken. Na ja, wenn ich das richtig mitbekommen hatte, war er Fabrikant, für den war Natur wahrscheinlich ein einziger Videoclip.
Wir ritten durch die Right Creeks, ein ursprünglich sicherlich sehr schönes Tal, das leider durch die Holzfäller ziemlich verwüstet worden war, weiter zum Bowl Pasture. Dort gab es eine Wasserloch quer über den Weg, das recht tief und schwer zu überqueren war, aber die Pferde fanden immer den besten Weg. Offensichtlich war aber einer der Trucks, die die Baumstämme abholten, hineingeraten, zumindest sah das Wasserloch ziemlich aufgewühlt aus. Ich ließ Ugly Back die Zügel lang, er sprang rein und wieder raus - etwas Matsch flog herum, aber sonst kein Problem. Mirco folgte mir voller blindem Vertrauen mit Otis, der sein Glück ein bißchen weiter links versuchte als Ugly Back. Sprang herein - versank bis zum Schweifansatz im Matsch, hüpfte entsetzt heraus und rutschte dann noch auf dem Matsch vor der Pfütze aus und landete auf seinen Knien. Im ersten Moment war ich entsetzt, dann konnte ich mich vor Lachen nicht mehr halten, als Otis wieder auf seinen vier Beinen stand, mir liefen die Tränen in die Augen und gleichzeitig entschuldigte ich mich bei Mirco, dem der Matsch aus den Schuhen tropfte. 
Die anderen waren klug genug gewesen, einen zwar unbequemen, aber trockenen Weg um das Wasserloch herum zu nehmen. Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu Lachen, hatte dabei einerseits ein schlechtes Gewissen und andererseits dachte ich mir, dass ich schließlich nicht für die Gäste verantwortlich war, schließlich war ich selbst Gast.
Ich schaffte es dann doch, allesamt vielleicht nicht ganz trocken, aber lebend an der Ranch abzuliefern und ritt rüber zum Roundpen, um Max über die Rinder zu informieren.

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