02.03.2000, Lake Ranch - füttern, reiten, brechen
 
Ich stand extra früh auf, damit wir rechtzeitig genug aufbrechen konnten, um die Kühe in Oshoto zu füttern bevor der Boden auftaute. Aber wir trödelten herum, erst gegen kurz nach zehn kamen wir in Oshoto an und zogen wieder sechs Riesenrundballen Heu durch den Matsch. Nach einer Stunde waren wir fertig, ca. 160 Rinder mampften glücklich das Heu. 
Es war herrliches Wetter, strahlender Sonnenschein und knappe 15°C, ich überlegte, einen kleinen Ausritt zu machen, aber die beiden einzigen reitbaren Pferde (die anderen waren wieder auf der entfernten Weide verschwunden) standen mit jede Menge Rentnern und Zweijährigen auf einer Weide neben der Ranch und machten keine Anstalten, freiwillig zu den Korrals zu kommen. Da Greg angefangen hatte, den großen Korral mit dem Traktor auszubaggern, konnte ich die Pferde auch nicht mit Futter anlocken, es hätte ein Chaos im kleinen Korral gegeben. Also überlegte ich, nach Belle Fourche zu fahren - Max hatte mir erzählt, dass dort jeden Donnerstag eine Rinderauktion statttfand, um Klassen größer als die Auktion in Prescott.
Ich wollte gerade losfahren, als ich Orio am Zaun stehen sah. Ich beschloß zu versuchen, ihn einzufangen - wenn es nicht klappte konnte ich immer noch fahren. 
Es klappte.
Ich ritt in Richtung Süden, teilweise tiefe Spuren im unberührten Schnee hinterlassend, und erinnerte mich an all die Ritte, die ich hier im vergangenem Sommer gemacht hatte. Ein Tal fand ich sehr verändert vor, die Holzarbeiter hatten viele Bäume gefällt und neue Trails durch die Landschaft gebahnt. Ich fand trotzdem meinen Weg hindurch und kam auf eine Grasebene. 

Dort grasten einige der Pferde, die Greg am Dienstag zusammengetrieben hatte. Um meinen Ritt mit etwas sinnvollem zu verbinden fing ich an, den Zaun zu checken und versuchte hier und da gerissenen Stacheldraht zu flicken - nicht gerade einfach ohne Zange. Auf dem "Cemetery-Pasture" sah ich einige Weißkopfadler auffliegen und ritt zu der Bodensenke, aus der sie kamen. Dort lag ein halbverspeister Jährling. Gregg erzählte mir später, dass das Fohlen schon im Januar gestorben sei, aber das kalte Wetter hatte es wohl ziemlich frisch gehalten.
Ich war nicht lange unterwegs gewesen, gegen drei war ich schon zurück an der Ranch, wo Gregg dabei war, einige Fohlen zu brechen. Einige italienische Gäste hatten im Herbst sechs Fohlen von dem Quarterhorsezüchter in Oshoto gekauft. Gregg wurde dafür bezahlt, sie halfterführig zu machen und nach Denver zu bringen, von wo aus sie nach Italien reisen sollten. 4000 Dollar pro Fohlen war den Italienern allein der Trip nach Europa wert.
Nachdem ich Gregg eine Stunde lang dabei zugesehen hatte, wie er eine Stute "zähmte", die noch nie ein Halfter getragen hatte, spannte er mich für vier andere Fohlen ein, die zwar schon ein Halfter trugen, aber ganz extreme Berührungsängste hatten. Ich arbeitete mit einem nach dem anderen, zunächst berührte ich sie mit einem alten Sack, der an einen Stock gebunden war, dann striegelte ich sie vorsichtig, nächster Schritt war berühren mit den Händen und das Finale streicheln am Kopf. Wenn sie es sich gefallen ließen, dass ich meine Hand auf ihre Stirn legte, kam der nächste Schüler dran. Für mich war es eine ganz neue Erfahrung mit Pferden zu arbeiten, die panische Angst vor Menschen hatten.
Inzwischen arbeitete Gregg mit der neuen Stute, der er ein Halfter angezogen hatte und die nun angebunden an einem starken Balken in der Scheune stand. Man kann es sich als Deutscher kaum vorstellen, wie diese Pferde reagieren. Unsere Fohlen sind von Geburt an Menschen gewöhnt, diese Fohlen wachsen in völliger Freiheit auf, ihre einzige Erfahrung mit Menschen ist der Tag, an dem sie eingefangen und gebrannt werden. Sie haben also gelernt, dass Menschen Schmerz zufügen - nichts anderes!
Entsprechend wehrte sich die kleine Stute, die Gregg sich vorgenommen hatte, mit "Händen und Füßen". Obwohl Gregg die ganze Zeit ruhig war und sich langsam bewegte, hängte sie sich mehrfach am Halfter auf, schließlich fiel sie hin und war offensichtlich so frustriert, dass sie einfach liegen blieb. Ich dachte schon, sie hätte sich ernsthaft verletzt, sie ließ es sogar zu, dass Gregg sie berührte, streichelte und klopfte, während sie am Boden lag, aber nach zwanzig Minuten zog Gregg die Stute hoch, und ihrem Gespringe nach war sie durchaus okay. Sie sieht auf dem Bild etwas mitgenommen aus, aber das liegt nur am Licht und an ihrer Fellfarbe, sie ist (wie die anderen fünf Fohlen der Italiener) eine Red-Roan, das braune-rote Fell ist mit weißen Stichelhaaren durchzogen.
Wir arbeiteten bis acht Uhr, dann wurde es mir zu kalt und Gregg ging das Bier aus, also machten wir Feierabend.
Abendessen: Steaks, Kartoffelgratin, Brownies - Gregg überlebte es ;-)

NEXT PAGE ->>

E-mail:heike@waywest.de
Last Update: 03/2000 
Copyright © 2000 Heike Wuensch   All Rights Reserved