07. - 09.03.2000, Lake Ranch - Taking a shower with Jack ;-)
 
Dienstag.
Da mein Notebook nur noch die rudimentärsten Funktionen unterstützte, überlegte ich nach Sundance oder Gilette zu fahren, um ihn vielleicht reparieren zu lassen. Linda, die nach dem gestrigen Ausrutscher heute wieder die Alte war, wollte mitkommen, aber Monte rief an und beauftragte Gregg, einige Kühe nach Belle Fourche zu bringen, wo sie auf der Auktion verkauft werden sollten. Also brach ich zu einem morgendlichen Ausritt auf, um meine Klientel auf der Weide zu checken und fuhr dann mit Gregg, Linda und neun Kühen nach Belle Fourche. Es kostete uns mehrere Stunden, erst am späten Nachmittag kamen wir zurück zur Ranch. 
Nach einem weiteren abendlichen Kuh-Check im beginnenden Regen war Feierabend - und warten auf den angekündigten Schneesturm angesagt, der sich aber nicht blicken ließ.
Ein neues Kalb - wenige Stunden alt
Auftrag erledigt: Rinder in Belle Fourche abgeliefert

Mittwoch.
Nicht gerade ein Schneesturm, aber doch heftiges Schneetreiben mit viel Wind machte Gregg ab fünf Uhr morgens zu schaffen. Er trieb die trächtigen Kühe auf eine kleine Weide neben dem Ranchhaus, da die Wettervorhersage noch stärkeren Wind ansagte. 
Zum Frühstück bekamen Linda und ich ein Kalb geliefert, das halb erfroren war. Es war gerade geboren worden und hatte bei dem eisigen Wetter draussen keine Chance. Wir brachten es in eines der alten Gästezimmer und steckten es unter die warme Dusche. Ich taufte ihn "Jack" - nach meiner bevorzugten Hamburgerkette "Jack in the Box" ...
Nachdem wir ihn aufgtaut hatten, rubbelten wir ihn mit Handtüchern trocken, brachten ihn ins Zimmer und versuchten, ihn zum aufstehen zu animinieren. Dies war das übliche Vorgehen, erst wenn das Kalb stehen konnte, wurde es zurück zu seiner Mutter gebracht, die Gregg inzwischen in den Stall gebracht hatte. Aber Jack war zu schwach, auch nach zwei Stunden lag er immer noch auf dem Teppich, alle Viere von sich gestreckt. Also schickte Gregg Linda und mich los, um in Hulett Kälbermilch zu besorgen. Inzwischen hatte es fast aufgehört zu schneien, der Wind hatte sich etwas gelegt, und so schlitterten wir 'gen Hulett.
Als wir zurück kamen, hatte Gregg das Kalb zum Aufstehen gebracht, nachdem er ihm eine Flasche Milch gegeben hatte, war es aus mit dem herrlichen Leben im Ranchhaus für Jack. Gregg lud ihn auf seinen Pick up und fuhr ihn zum Stall zu seiner Mutter. Zumindest war er dort trocken und liebevoll umsorgt aufgehoben.


Mittags bekam ich einen Anruf: Rob No. 1. Ich ahnte schon, was das bedeutete: er brauchte seinen Truck. Meine Tage in Wyoming waren also gezählt, am Freitag musste ich abreisen, damit er den Wagen am Sonntag Abend wieder hatte. Schade, ich genoß es, über das Ranchleben zu lernen, gerade jetzt, wo das Kalben begonnen hatte. Aber ich hatte ihm versprochen, den Wagen jederzeit zurück zu bringen, wenn er ihn dringend brauchte - und nun war es dringend.
Am späten Nachmittag traf der nächste Kunde ein: "Big Foot". Gregg und Linda hatten ihre Geburt beim Füttern der Rinder beobachtet, es sah alles sehr gut aus, aber als Gregg eine Stunde später noch einmal checkte, lag die Kleine zitternd im Schnee. Also wurde wieder warm geduscht, trocken gerubbelt und gefüttert. Abends wurde  auch sie im Stall abgeliefert, um bei Muttern zu bleiben.
Linda, die den ganzen Tag nur dann den Mund gehalten hatte, wenn sie das Weinglas ansetzte, entschlief gnädigerweise vor dem Kaminfeuer, so dass es an mir war, Gregg mit einem Abendessen zu beglücken. Da fast ein Kilo Rindergehacktes dringend aufgebraucht werden musste plante ich "deutsche" Frikadellen. Die Dinger, die die Amis fabrizierten, waren normalerweise so trocken, dass der große Heinz-Ketchup-Verbrauch in Amerika durchaus verständlich war.
Leider hatten wir keine Zwiebeln mehr, stattdessen nahm ich Tomaten aus der 1kg-Dose, die vom Chilie vor ein paar Tagen übrig waren. Und weil dem Gehackten der Schweineanteil fehlte schnitt ich noch etwas Frühstücksspeck hinein. Das Ergebnis war ... - bemerkenswert. Aber zumindest nicht trocken! 

Donnerstag.
Morgens war es grau in grau und eiskalt. Eine weitere Kuh hatte in der Nacht gekalbt, aber Mutter und Kind waren wohlauf.
Ich telefonierte mit Monte, um ihm zu sagen, dass ich am Freitag abreisen würde. Wir verabredeten, dass ich vorher noch mal bei Kara Creek vorbeikommen würde, um mich zu verabschieden.
Linda machte sich auch reisefertig, sie fuhr Mittags zurück nach South Dakota, wo sie mit ihren beiden Söhnen lebte.

Die Jährlinge vor dem Stall

Da es zu kalt für einen Ritt just for fun war und Gregg die Kühe, die immer noch auf der Weide gleich neben der Ranch waren, selbst checkte, bot ich an nach Hulett zu fahren, um Salzlecksteine für die Rinder zu holen.
Ich packte mich dick ein und stieg in meinen Truck.
"Uuuiiii-uuuuuiiii-uiiiiiiii-uhhhhhhh!"
Tja - was soll ich sagen? Good luck, dass Linda und ich gestern ein paar Starterkabel in Hulett gekauft hatten, als wir die Kälbermilch holten. Übrigens wollten wir mit meinem Truck fahren, aber als ich einen der nigel-nagel-neuen Scheibenwischer ein bisschen anhob, um den Schnee von der Windschutzscheibe zu schieben, war er abgebrochen, weswegen wir Lindas Nissan nahmen.
Gregg fuhr mit seinem Traktor herum, also holte ich mir seinen Pick up "Blacky" selbst, um meinem Truck Batterie-Power zum Lunch zu füttern. Gegen eins war er aufbruchbereit. Der rancheigene Holperweg war an dem Hang, an dem er nur drei Meter breit war und rechts einen ca. zwanzig Meter tiefen Canyon präsentierte, in einem katastrophalen Zustand. Die Spuren, die Linda und ich am Vortag in den Schnee gefahren hatten, waren gefroren und vereist. Die breiten Reifen meines Trucks schlitterten fast unkontrollierbar über die zu engen Spurrinnen. Als ich endlich auf der zwar nicht geräumten, aber zumindest flachen "Hauptstraße" ankam hätte ich fast ein Kreuz geschlagen und überlegte ernsthaft, Gregg von Hulett aus anzurufen und ihm zu sagen, dass ich dort übernachten würde. Oder im Saloon drei Bier zu trinken, um angetrunken, aber furchtlos den Hang wieder rauf zu fahren.
Aber erst mal fuhr ich zu dem Laden, wo wir am Vortag die Kälbermilch geholt hatten, um die Salzblöcke einzuladen. 300 Kilogramm hätten wir bestellt, meinte die Kassiererin nach einem Blick auf ihren Computer.
"300 Kilogramm? Aber wir brauchen doch nur zwölf Blöcke!" wiedersprach ich erstaunt. 
"Ein Block wiegt 25 Kilogramm", klärte sie mich auf.
Whow! Musste ich stark sein, so schwer waren mir die Dinger nie vorgekommen. Mein Truck, ganz Gentleman, weigerte sich natürlich, die Heckklappe zu öffnen, ließ aber gnädigerweise wenigstens die Heckscheibe herunter, so dass wir die zwölf Blöcke über die Klappe auf die Ladefläche heben konnten.
Danach fuhr ich zu einem Reifenhändler. Ich vermutete, dass die Vorderräder wieder mal locker waren, der Truck zog wieder gefährlich nach rechts, wenn ich bremste - in Gedanken an den Weg zurück zur Ranch wollte ich das lieber repariert haben. Der Reifenhändler gab sich zwar reichlich Mühe, die Muttern nachzuziehen, aber da war nichts locker. Dann lag es wohl an etwas anderem. Nun, es ließ sich nicht ändern, ich verzichtete auf die drei Bier im Saloon (was ich später bitter bereute) und fuhr zurück zur Ranch. Je näher ich dem rancheigenen Holperweg kam, um so mehr begann ich nervös zu werden. Hätte ich doch bloß die Biere getrunken. Hätte ich doch bloß Gregg vor meinem Aufbruch aus Hulett angerufen, damit er mich aus dem Canyon fischen konnte, wenn ich nicht innerhalb einer Stunde auf der Ranch ankam. Hätte ich doch nie behauptet, ein verschneiter Lake-Ranch-Weg sei nichts gegen einen trockenen Williams-Family-Ranch-Weg - ein vereister Lake-Ranch-Weg schlug alles ...
Nun denn - ich schreibe, also lebe ich. Ich kam unbeschadet auf der Ranch an und der Weg den Hang hinauf war sogar einfacher gewesen als in Richtung Hulett.
Weil der Traktor nirgends zu sehen war nahm ich an, dass Gregg damit herum fuhr, also lud ich meinen Truck alleine aus. Die ersten Blöcke über die Klappe zu hieven war horror, komischerweise wurden sie leichter, je mehr ich in Greggs Pick up geladen hatte. 
Als ich ins Wohnzimmer kam, lag Gregg auf dem Sofa und guckte fernsehn.
"Nice trick", meinte ich, "hide the tractor and make me think that you're not here to help me to unload the salt ..."
Nach Lindas Abfahrt schien wieder Ruhe auf der Ranch eingekehrt zu sein und Gregg hatte zu seiner gewohnten wenn schon nicht guten, so doch positiven Laune zurückgefunden. So nett ein Schwätzchen mit Linda war, manchmal war sie etwas anstrengend, darum genoß ich den gemütlichen letzten Abend auf der Lake Ranch mit einem schnarchenden Gregg anstatt einer ununterbrochen erzählenden Linda im Wohnzimmer.
In meinem Zimmer sah ich eine Maus herumflitzen. Sie hatte eine Kalzium-Tablette unter meinem Bett gefunden und angenagt. Kalzium-Tabletten fressen die Amis wie Bonbons, sie helfen gegen Sodbrennen und "Heart burn", wobei ich nicht weiß, was letzteres ist. Sodbrennen habe ich kennengelernt! In Deutschland nie Probleme mit gehabt rächt sich American Food tatsächlich merklich am Magen ...
Anyway - ich ging ins Wohnzimmer und sagte Gregg Bescheid, dass ich eine Maus im Zimmer hätte - er hatte mir mal erzählt, dass er furchtbare Angst vor Mäusen hätte. War vielleicht nicht schlecht, kund zu tun, dass mein Zimmer verseucht war :-)
Dann holte ich mir eine Mausefalle aus der Küche und fütterte meinen neuen Zimmergenossen mit Erdnussbutter.



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Last Update: 03/2000 
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